Wie sieht Robin Hood aus? Möglicherweise wie Kevin Costner in "König der Diebe" oder wie der schlanke Rotfuchs aus dem Disney-Film von 1973. Meistens jedenfalls trägt der Held dieses nicht gerade selten verfilmten Stoffes aus dem Spätmittelalter ein grünes Gewand, die passenden Strumpfhosen und einen feschen Filzhut. Martin Schreiers Robin Hood hingegen trägt einen schwarzen Anzug. Denn Schreier, der an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert hat, hatte für seinen Diplomfilm eine Idee, auf die eigentlich jeder hätte kommen können, auf die aber außer ihm noch niemand gekommen sei, wie er am Donnerstagabend im Deutschen Filmmuseum Frankfurt sagte.
Schreiers Film spielt nicht im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Sein Robin Hood (Ken Duken) lebt und raubt nicht im Sherwood Forest, sondern im Frankfurter Bankenviertel. "Es ist die erste moderne Version", sagte Schreier im Gespräch mit Ulrich Sonnenschein von epd Film. In der Reihe "Was tut sich im Deutschen Film?" stellte er seinen Film zusammen mit dem Kurzfilm "Hessi James" vor, der von Schreiers früherem Kommilitonen Johannes Weiland stammt. Filme beider Regisseure waren in den vergangenen Jahren für den Studenten-Oscar nominiert. Schreiers "Robin Hood" lief dieses Jahr zudem als Eröffnungsfilm beim wichtigen deutschen Nachwuchsfilmfestival in Saarbrücken.

Während Weilands Animationsfilm amüsant einen Sketch in Szene setzt, den das hessische Comedy-Duo "Badesalz" geschrieben und eingesprochen hat, besitzt "Robin Hood" durchaus ein ernstes Thema. Schreier, der sich als einen sehr politischen Menschen sieht, will zeigen, was passieren kann, wenn sich Probleme wie Bankenkrise, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit weiter zuspitzen. Er will davor warnen, dass Benachteiligte irgendwann keinen anderen Ausweg mehr wissen, als zu den Waffen zu greifen. So wie sein moderner Robin Hood, der Polizist Alex Scholz, der den Boss der "Deutschen Nationalbank" auf legalem Wege nicht zu fassen bekommt und sich daher einer Bankräuberbande anschließt. In der heutigen Zeit, in der "niemand mehr Tacheles" rede, fehle uns "ein Held, aus Hessen oder sonstwo, der sich gegen das Kapital stellt", sagte Schreier.

Damit ein Film solch eine Botschaft transportieren könne, müsse er massentauglich sein. "Wenn du einen tollen Film machst, der nur 2000 Leute ins Kino bringt, hast du gar nichts." Zugute kommt Schreier bei diesem Ziel, dass "Robin Hood" im Auftrag von Pro Sieben gedreht und von Nico Hoffmann mitproduziert wurde, der Schreiers Mentor an der Filmakademie war. Mit Schauspielern wie Matthias Koeberlin und Stipe Erceg ist er für einen Studentenfilm mit einem Budget von "weit unter einer Million" zudem außergewöhnlich gut besetzt. Das liege an der Idee des Films, meint Schreier. Viele seien froh, in einem Actionfilm mitspielen zu können, wo Deutschland sonst nur "schwere Arthouse-Dramen und Komödien" kenne.

Schreiers "Robin Hood", der sein erster Langfilm ist und den er als "unterhaltsames Action-Drama" bezeichnet, wurde auch vom Land Baden-Württemberg gefördert. Da Filmförderung ortsgebunden ist, konnten von 33 Drehtagen nur sieben in Frankfurt stattfinden. Und so fährt Robin Hood zwar gut sichtbar am Schauspiel Frankfurt vorbei, die Lagerhalle aber, in der sich seine Bande versteckt, steht im württembergischen Schorndorf. Dabei hätte Schreier, der 1980 in Kronberg geboren wurde und in Bad Homburg aufgewachsen ist, gerne noch mehr von Frankfurt gezeigt. "Es ist die filmischste Stadt, die ich kenne", sagte er. "Ich würde jeden Film hier drehen."

CHRISTOPH BORGANS

 



Rächer der Wohnungslosen und Arbeitssuchenden

Der hessische Nachwuchsregisseur Martin Schreier erweckt in "Robin Hood" einen alten Helden zu neuem Leben
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2013, Nr. 154, S. 46
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